The Beast of the East 2011
“Gewisse Dinge haben wir gemeinsam, andere nicht. Gewisse Dinge werden wir teilen, andere niemals. Respekt verdient man sich, Neid muss man erarbeiten. Neid ist die ehrlichste Form der Anerkennung.”
-Der Prolog
Ich wusste es würde schwierig werden – physisch, psychisch, logistisch.
Von Gerolf und seinen Leuten hatte ich eine Wildcard erhalten, schliesslich wurde der Gedanke zu Critical Dirt in seiner frühesten Form ja bei diesem sagenumwobenen Rennen auf dem Golfplatz bei uns in Zürich komplettiert, Februar 2008, bei sommerlichen Temperaturen vor der majestätischen Kulisse des Dolder Grand mit seinen Foster’schen Flügeln und dem Blick auf den See und das Alpenpanorama, habe ihm aber bereits im Vorfeld ganz deutlich gesagt, dass mein Knie das wahrscheinlich nicht mitmachen wird. Er befahl mir trotzdem herzukommen, notfalls als Besenwagenbegleitfahrer, als zusätzliche helfende Hand, als kleiner Teil des Ganzen.
Und nun sass ich hier im Wartezimmer meines Arztes und schaute mir diesen überdimensionalen geklöppelten Spruch an, der da über dem Gestell mit den Zeitschriften an der Wand hängt: “Was man nicht heilen kann, das muss man ertragen”. Dafür liebe ich ihn, meinen Arzt, da wird nicht gequängelt und gejammert, der fragt auch nie “Wie geht es ihnen?”, der fragt nur, ob sich seit dem letzten Mal, bis heute oder inzwischen etwas geändert hat.
Tja, nicht viel, das Knie zwickt unter Last, die Treppe rauf mit Einkaufstüten klappt es manchmal weg, nach längeren Radtouren kann ich es bis zu drei Tage lang nicht mehr ganz beugen, eine Stunde im Kino ist eine Garantie für Krämpfe. Bei SIS 2010 war mir die Kniescheibe rausgehüpft, dabei wurde der Führungsknorpel in Mitleidenschaft gezogen, die Bandansätze haben auch etwas gelitten, die Patellasehne fand das gar nicht gut. Einige haben mich weinen sehen, vor Schmerzen, Enttäuschung, Verzweiflung, Befürchtung. Also viel Physiotherapie, operieren will man erst im letzten Moment und auch nur falls wirklich nötig.
Dann SIS 2011: Kleine Gänge, wenig Tempo, die wetterbedingte Wasserkühlung und die Schlammpackungen haben es geregelt. Kein Wunder, ich bin noch nie so lange im strömenden Dauerregen Rad gefahren, bis sich die Singletrails in kleine Sturzbäche verwandelten, morgens um halb fünf. Und ich war froh um den Tempomaten auf dem Heimweg, das Bein ganz strecken, wegdrehen, ruhig stellen. Trotzdem wurde es nicht besser. Also kam es sechs Wochen vor Critical Dirt zur Arthroskopie, vier kleine Löcher, das Knie aufblasen, die Knorpellippe wegbügeln, den ganzen Kram absaugen und das alles in der Hoffnung, dass nun am postkollateralen Corner keine weitere Knochenhautreizung durch Läsion entstehen wird.
Und nun sitze ich hier und überlege mir, ob es wohl eine gute Idee war, mir den Crosserrahmen mit Headshok auf dem Bazar bei SIS 2011 zu ziehen, aber die 200.- Euro und die Grösse sprachen eindeutig dafür. Meinen wunderbaren Lemond-Crosser habe ich weggeben müssen, weil die Haltung und die Vibrationen nicht mehr zu ertragen waren, das habe ich bis heute nicht recht überwunden. Vor allem die Cosmic-Räder reuen mich. Aber eben, es ging nicht mehr, nachdem mich im Oktober 2008 ein wild gewordener Automobilist nach einer angeregten Unterhaltung über Vorfahrtsrechte an der Ampel ungebremst und absichtlich von hinten über den Haufen gefahren hatte, da waren die Nacken- und Brustwirbel nicht mehr bereit, so einen Ritt auf der Kanonenkugel ohne weiteres hinzunehmen. Da nützt es auch nichts, dass ich in dritter Instanz vor Bundesgericht diesen Prozess gewonnen habe und nun einen Rechtstitel besitze, der mir eigentlich noch eine grosse Stange Geld zusprechen würde. Aber mit der Headshok könnte es gehen, das Ding musste ich deshalb einfach mitnehmen.

















