The Beast of the East 2011
“Gewisse Dinge haben wir gemeinsam, andere nicht. Gewisse Dinge werden wir teilen, andere niemals. Respekt verdient man sich, Neid muss man erarbeiten. Neid ist die ehrlichste Form der Anerkennung.”
-Der Prolog
Ich wusste es würde schwierig werden – physisch, psychisch, logistisch.
Von Gerolf und seinen Leuten hatte ich eine Wildcard erhalten, schliesslich wurde der Gedanke zu Critical Dirt in seiner frühesten Form ja bei diesem sagenumwobenen Rennen auf dem Golfplatz bei uns in Zürich komplettiert, Februar 2008, bei sommerlichen Temperaturen vor der majestätischen Kulisse des Dolder Grand mit seinen Foster’schen Flügeln und dem Blick auf den See und das Alpenpanorama, habe ihm aber bereits im Vorfeld ganz deutlich gesagt, dass mein Knie das wahrscheinlich nicht mitmachen wird. Er befahl mir trotzdem herzukommen, notfalls als Besenwagenbegleitfahrer, als zusätzliche helfende Hand, als kleiner Teil des Ganzen.
Und nun sass ich hier im Wartezimmer meines Arztes und schaute mir diesen überdimensionalen geklöppelten Spruch an, der da über dem Gestell mit den Zeitschriften an der Wand hängt: “Was man nicht heilen kann, das muss man ertragen”. Dafür liebe ich ihn, meinen Arzt, da wird nicht gequängelt und gejammert, der fragt auch nie “Wie geht es ihnen?”, der fragt nur, ob sich seit dem letzten Mal, bis heute oder inzwischen etwas geändert hat.
Tja, nicht viel, das Knie zwickt unter Last, die Treppe rauf mit Einkaufstüten klappt es manchmal weg, nach längeren Radtouren kann ich es bis zu drei Tage lang nicht mehr ganz beugen, eine Stunde im Kino ist eine Garantie für Krämpfe. Bei SIS 2010 war mir die Kniescheibe rausgehüpft, dabei wurde der Führungsknorpel in Mitleidenschaft gezogen, die Bandansätze haben auch etwas gelitten, die Patellasehne fand das gar nicht gut. Einige haben mich weinen sehen, vor Schmerzen, Enttäuschung, Verzweiflung, Befürchtung. Also viel Physiotherapie, operieren will man erst im letzten Moment und auch nur falls wirklich nötig.
Dann SIS 2011: Kleine Gänge, wenig Tempo, die wetterbedingte Wasserkühlung und die Schlammpackungen haben es geregelt. Kein Wunder, ich bin noch nie so lange im strömenden Dauerregen Rad gefahren, bis sich die Singletrails in kleine Sturzbäche verwandelten, morgens um halb fünf. Und ich war froh um den Tempomaten auf dem Heimweg, das Bein ganz strecken, wegdrehen, ruhig stellen. Trotzdem wurde es nicht besser. Also kam es sechs Wochen vor Critical Dirt zur Arthroskopie, vier kleine Löcher, das Knie aufblasen, die Knorpellippe wegbügeln, den ganzen Kram absaugen und das alles in der Hoffnung, dass nun am postkollateralen Corner keine weitere Knochenhautreizung durch Läsion entstehen wird.
Und nun sitze ich hier und überlege mir, ob es wohl eine gute Idee war, mir den Crosserrahmen mit Headshok auf dem Bazar bei SIS 2011 zu ziehen, aber die 200.- Euro und die Grösse sprachen eindeutig dafür. Meinen wunderbaren Lemond-Crosser habe ich weggeben müssen, weil die Haltung und die Vibrationen nicht mehr zu ertragen waren, das habe ich bis heute nicht recht überwunden. Vor allem die Cosmic-Räder reuen mich. Aber eben, es ging nicht mehr, nachdem mich im Oktober 2008 ein wild gewordener Automobilist nach einer angeregten Unterhaltung über Vorfahrtsrechte an der Ampel ungebremst und absichtlich von hinten über den Haufen gefahren hatte, da waren die Nacken- und Brustwirbel nicht mehr bereit, so einen Ritt auf der Kanonenkugel ohne weiteres hinzunehmen. Da nützt es auch nichts, dass ich in dritter Instanz vor Bundesgericht diesen Prozess gewonnen habe und nun einen Rechtstitel besitze, der mir eigentlich noch eine grosse Stange Geld zusprechen würde. Aber mit der Headshok könnte es gehen, das Ding musste ich deshalb einfach mitnehmen.
-Das Prequel
2008 waren Chrigel und ich in Leipzig zur Cyclera und haben die Kopfstein-Rallye abgeräumt, nachdem die ganze Orga zum erwähnten Abschlussrennen der Parkmassaker-Saison 07/08 (Grand Prix Deluxe) in geschlossener Formation vor Ort erschienen ist. Da war Critical Dirt noch ein Nebenschauplatz mit einer kleinen Rahmenveranstaltung, trotzdem ging es als das eigentliches Highlight in die Erinnerung der Besucher ein. Und in einer der Rampen hat es mir damals wieder einen Rippenbogen rausgehauen, genau da, wo der Querfortsatz beim Stelldichein mit dem Amokfahrer weggebrochen war. Also legte ich mich wie ein toter Käfer in den Sand und hoffte auf bessere Zeiten. Pennen bei Frank in der Platte, nackt schwimmen im Baggersee, die Schornsteine der Essen am Horizont.
Bionade? Nein danke, dieses halbfermentierte Zeug ist des Teufels, das von Seiten des Sponsors lauwarm in rauen Mengen bereit stand, und Steffen ging eindrücklich in die Geschichte ein, als er es irgendwie fertig brachte, über zehn Schritte einen Furz in drei verschiedenen Tonlagen zum Besten zu geben. Der Rest von uns musste lachen und drohte dabei auch bald durch eine akute Übergärung zu explodieren. Das Kulinarium war auch schon damals superb aber irgendwie hat die Küchenkru den Dreh mit den Treibgasen noch immer nicht ganz raus…
Dann war ich 2010 als Chauffeur für Stoph und Cécile da, weil das, was ich kurz zuvor im Radurlaub an der Côte d’Azur erlebte, wohl den Rahmen des Erträglichen eines jeden sprengt und eine Teilnahme mit freiem Kopf sicher verhindert hätte: Hochwasser, Zerstörung, Tote. Deshalb fuhr ich mit Kathy und Heike die Flaschen den Collm hoch, so dass sie hinten im Kofferraum Samba tanzten und ein klein wenig ein Gefühl wie auf Schweizer Passstrassen entstand (Ja, ich weiss, da steht regelkonform ein Buchstabe zu viel).
Traurig und doch glücklich machten mich die Bilder, die mit Schweiss in den Staub auf den Gesichtern der ankommenden Fahrer gemalt waren, zu gerne wäre ich auch mit dabei gewesen. Aber es ging nicht, da halfen weder Trotz noch Fantasie. 2010 war Critical Dirt bereits etwas gewachsen und einen Tag lang Etappen-Rennen, einen Tag lang Circus Maximus für Crosser und Freunde. Unvergesslich auch Ken, der virtuos wie ein Eiskunstläufer, aber ohne Chiffon und Pailletten, seine wunderbare Kür auf dem Quer-Rad zum Besten gab. Dort wurden Weichen gestellt, in vielerlei Hinsicht. Sportliche, persönliche, organisatorische.
-Die Exposition
Diesmal aber wollte ich mit, egal wie, auf biegen und brechen, und wenn alles klappt, dann steht der Crosser rechtzeitig parat. Aber wirklich auch nur, wenn da gar keine unvorhergesehene Verzögerung einschlägt, sonst bin ich fertig. Apex-Gruppe bestellen, Headshok ausbauen, Rahmen entlacken und pulvern, Headshok revidieren und einbauen, alles komplettieren, einstellen, Probe fahren. Und dazwischen noch eine ganze Woche weg, familiäre Turbulenzen, wo gar nichts gehen kann aber alles trotzdem muss. Also die Termine so legen, dass es vielleicht doch hinhaut und Benno mit der Ticketreservierung beauftragen, kochen auf fünf Platten, drei Hochzeiten zugleich.
Endlich komme ich dran, mein Arzt kennt mich, der weiss, wenn ich sage “Es geht so” heisst das eigentlich “Es tut verdammt fest weh”. Er empfiehlt mir Aquagymnastik (Ich hasse Hallenbäder!) und ein wenig lockeres Radfahren, nur flach, ohne Kraft, nur der Bewegung wegen. Aha. Ich bin sicher fast fünf Kilo schwerer geworden seit dem Eingriff, kann nicht mehr zum Boxen gehen, kann nicht die Trails auf unserem Hausberg heizen, so lange sie noch trocken sind. Und jetzt das. Ich erzähle ihm von der Ausfahrt unter Freunden, ein paar Kilometer und ganz flach und er meint, dass ich da ruhig hinfahren solle – als Zuschauer.
Zwei Wochen später – der Bock steht. Es fehlt zwar das Lenkerband und die Stattelstütze ist noch ein Notnagel, aber er steht, grau und trotzig und bereit für alle Schandtaten. Das Pulvern wäre fast ins Auge gegangen, Headshok revidieren hat doppelt so viel Zeit (und Geschick) wie erfragt in Anspruch genommen, die Räder stammen aus meinem Rennrad, Reifen hatte ich noch vom Lemond, eingestellt ist so gut wie nix, Probefahrt muss warten. Und ich fahre darauf das erste Mal zum Bahnhof, wo wir den Nachtzug nach Göttingen nehmen. 500km in vier Tagen, das meiste abseits der asphaltierten Strasse, ich kann nicht schlafen.
Und lese Albert Londres – Strafgefangene der Landstrasse.
Ich habe versucht mich in meiner Abwesenheit mit etwas Seilspringen fitt zu machen – keine Chance, geht gar nicht, mein Knie hasst mich. Muss immer noch Medikamente nehmen, Blutverdünner gegen Thrombose, Analgetikum als Entzündungshemmer. Die Mücken riechen das und fressen mich, sie dürfen und können, ich bin müde und kraftlos. Die Fahrt zum Kaufland an der Autobahn in Göttingen wird der erste Ausritt, Batterien holen für das Navi, das mir die Jungs netterweise zur Verfügung stellen. Lenkerband stammt vom lokalen Händler auf Empfehlung, Polar ist drauf, wir schlafen bei David, alles wird gut.
-Die Reise ins Ich
Es wurde spät, es ist früh, viele Leute sind da, viele die ich bereits kenne aber noch mehr, die ich noch nie gesehen habe. Ein paar Worte, ein paar Formalitäten und wir starten. Ich lecke Blut, schwelge in Erinnerungen an Kriterien, die ich in längst vergangenen Tagen im Süden Frankreichs bestritten habe, höre nicht auf den Herzmonitor, den ich zu tragen meinem Arzt versprochen habe, ignoriere die Kassette mit 12-34, für die ich mich eh etwas schäme und hetze der Meute hinterher. Ein Fehler, wie sich bei der Mittagsverpflegung herausstellt, die folgenden Steigungen kann ich nicht mehr mit Schwung nehmen, Wiegetritt geht schon länger nicht mehr. Ich lasse die Gruppe um Martin, Thees, Eric und Olaf ziehen, aber die Headshok, die im Steuerrohr versteckte Federung, bügelt das Gröbste weg, sie wird mein bester Freund für die nächsten Kilometer werden.
Die zweite Hälfte der ersten Etappe fahre ich alleine, verfranse mich an der Warmen Bode weil das Navi ausfällt, scrolle mir auf der Karte die Finger wund, schlage mich durch, finde zurück auf den Track, meine schweissnasse Haut wird mit unendlich vielen Mücken paniert, ich spüre ihre Agonie im Säurebad, komme endlich an, es gibt gerade keine Nudeln mehr. Mittelalterliche Kulisse, ich bin geflasht, die Leute applaudieren, so kann das nicht weiter gehen. Alleine in der Pampa gehe ich über die Bücher, das ist kein Rennen und trotzdem fahre ich gegen mich selber. Und gegen mein Knie, gegen den Schmerz, den Stolz, den Frust.
Die erste Etappe heisst Eichfelder Harzquer und führt von Göttingen über Holbach nach Quedlinburg, 120 Kilometer mit 1360 Meter Anstieg.
Am zweiten Tag ändere ich die Strategie, der Weg ist das Ziel, durchkommen erste Devise. In kleinsten Gängen spule ich die Hügel hoch, wie eine Nähmaschine am absoluten Anschlag, kein Wiegetritt, kein grosses Kettenblatt. Ich liebe mein 34er, vorne wie hinten, 1:1 wird zur Religion. Der Chef-Mechaniker von daheim ist auch vor Ort, justiert und stellt ein, es fühlt sich gut an, das darf ruhig so bleiben. Danke dafür, echt und ehrlich. Cécile ist mit dabei, fährt konsequent ihr eigenes Tempo, wie eine Draisine auf Schienen, kleine Höchstgeschwindigkeit aber ein Drehmoment, dass es kracht. Gefällt mir, könnte klappen.
Die zweite Etappe heisst Mansfelder Potpourri und führt von Quedlinburg über den Sueszer See nach Leipzig, 137 Kilometer mit 1100 Meter Anstieg.
Wir fahren die nächsten Etappen zusammen, kennen uns schon lange, Cécile hat den besten Humor, dunkelschwarz und bissig, Stoph bleibt als knipsender Satellit die meiste Zeit dabei. Wir motivieren uns gegenseitig, ich arbeite mit Tricks, lasse den Kiesel im linken Schuh drin, damit er mich vom stechenden Schmerz im rechten Knie ablenkt.
Die dritte Etappe heisst Leipziger Landpartie und führt von Leipzig über Roitzsch nach Dresden, 124 Kilometer mit 710 Meter Anstieg.
Was man nicht heilen kann, das muss man ertragen – Recht hat er, mein Arzt, weh tut es aber trotzdem. Das bleibt auch so bis zum Schluss und weil ich mich nicht auf Fluchtgruppen, Kontrahenten, Verfolger und Ankunftsprotokolle konzentrieren muss, sondern nur auf mich, mein Umfeld und mein Gerät, kriege ich die Landschaft mit voller Wucht in die Fresse. Selten habe ich so viel Himmel so weit weg von der Küste gesehen, das letzte Mal im Norden von Schweden.
Das System funktioniert, Mensch und Maschine sind eine Einheit, die 32er krallen sich in den Boden, kein Platten weit und breit. Nur meiner Eitelkeit vom ersten Tag muss ich Tribut zollen, das Sitzpolster der alten Izumi-Shorts hat Spuren hinterlassen, ich wünsche ich wäre geschlechtslos, nur Unmengen der Raphakrem können Schlimmeres verhindern. Der Brooks-Sattel kommt wieder weg, das wird so nichts mit uns beiden auf Dauer.
Die vierte Etappe heisst Lausitzer Schlachtplatte und führt von Dresden über Sonnenberg nach Görlitz, 106 Kilometer mit 1245 Meter Anstieg.
Ich habe viel Zeit zum nachdenken, die Panzerpisten machen mich fertig und trotzdem weiss ich wieder einmal mehr zu schätzen, was ich daheim habe, man merkt eben doch oft erst, was einem fehlt, wenn man es wirklich nicht mehr hat. Die Stunden auf diesem Belag sind wie Monate in Indien, definieren das eigene Sein, relativieren Besitz und Vermögen, so wohl als auch.
Irgendwann ist der Kopf leer, das Knie tut nicht mehr weh, es bewegt sich nur noch wie von selbst. Das Pleuel einer Dampfmaschine, angetrieben von der puren Lust am Leben. Und Cécile wächst über sich hinaus, spricht von Schizophrenie, von fauler Frau und Maschine im selben Körper. Ich bin stolz auf sie, ich muss lachen, die Schwänzchen stehen ihr wirklich gut unter der roten Mütze. Wir fahren das Ding wohl nach Hause, jeder für sich und doch irgendwie zusammen. Wir flachsen über unsere erste Begegnung, wie sie als kleines Kind auf mich aufpassen sollte. Und noch kleinere Kinder hasste. Und ich deshalb Schiss vor ihr hatte. Wir führen bizarre Dialoge im Wechsel der Landschaft und schon ist der letzte Hügel auch noch geschafft, es fühlt sich an wie heimkommen.
Nein, es fühlt sich an, als wäre ich zwei Monate weg gewesen, als hätte ich die Transsibirische zu Fuss gemacht, ein bisschen Patagonien mit dem Rad, etwas Canal du Midi mit dem Schiff. Die Blasmusik an der Fähre, Himmel hilf. Die Pyrogames in Dresden, wer hätte das gedacht. Die Dampflok, die ich im Best-Western-Style auf dem Rad überholte, um vor ihr die Gleise zu queren, ich bin der Sundance-Kid. Die Gewölbe, Höfe, Türme, Mauern, Wege, Häuser, Durch- und Abfahrten. Die Lichter, die Silhouetten, die Sterne, die Mücken, die Freunde und Freuden.
Ein extrem grosser Vogelschwarm von Staren, die sich irgendwo in den Lausitzer Hügeln verdichteten, formierten, umrundeten und schlussendlich ganz abhob um gegen Süden zu fliegen. Direkt unter einem Windkraftding zu stehen, das von nah ganz unheimlich wirkt, weil krass gross und doch sehr laut. Die Frage der Unwucht bei Flügelschaden und in welche Richtung folglich der Rotor bzw. seine Teile fliegen würden hat mich dann doch mehr wie eine Minute lang beschäftigt, als ich bei der Weiterfahrt durch den rotierenden Schatten fuhr und die ungefähre Winkelgeschwindigkeit abschätzen konnte.
Die Fahrt im Rückenwind einen Hügelzug hinunter, so dass ein bewegungsystemisches Vakuum entstand (Ich nenne das jetzt einfach mal so), bei dem meine Geschwindigkeit und Richtung genau der des Windes entsprachen, so dass erstens Null Widerstand und Kühlung vorhanden war, da kein Fahrtwind, und ebenso Null Windabrissgeräusche entstanden, so dass ich das Sirren der Speichen, das Knirschen der Reifen und meinen eigenen Puls hören konnte.
Das kurze Verweilen auf dem Kreuz- und Galgenberg bzw. der kleinen Bank da oben mit Blick in die Ferne über mehrere hundert Kilometer, bis zu einem Berg, der ein wenig wie das Weisshorn im Wallis aussah. Schneekoppe? Das Ankommen nach Einbruch der Dunkelheit durch die suburbane Industrie in Dresden, inkl. Streiflicht und Feuerwerk, das war einfach irgendwie apokalyptisch und so unwirklich wirklich. Davor Kälteseen, die meine Zähne klappern liessen, und Nebelbänke, die so unheimlich und zäh waren, als hätte man ein Set zu einem Gruselfilm massiv übertrieben in Szene gesetzt.
Der Ausflug in Görlitz über die Brücke nach Polen, wo selbst die Neubauten wie Brandruinen ausschauen, das hat mir echt zugesetzt. Nein Benno, es ist nicht 05:45 Uhr, es wird nicht zurückgeschossen. Aber Strassenschilder in Fraktur, das hat echt was und die Mausoleen auf dem Görlitzer Zentralfriedhof sind unheimlich schön, jedenfalls um einiges schicker wie die Soldatengräber im Göttinger Friedpark.
Bestimmt zehre ich noch Monate von den kleinen Puzzleteilen an haptischen und optischen Eindrücken dieser Fahrt, die dann und wann sicher wieder an die Oberfläche gespült werden und von den goldene Momenten, die sich in den Tagen danach immer noch aus der unfassbaren Anzahl an Fragmenten langsam zusammensetzen. Es ist zu viel, um es in Worte zu fassen, zu viel, um es vergessen zu können, aber noch lange nicht genug, um bereits satt zu sein.
2012, wir kommen.
-Die Quintessenz
Hier gegenüber Unbeteiligten näher auf die Bilder und Eindrücke dieser Reise einzugehen wäre wie einem Blinden die Farbenlehre verständlich erklären zu wollen. Man könnte ein paar Referenzen zeigen, den roten Berg, die pittoresken Städtchen, die Ruinen, die Zeitzeugnisse, die fünferlei Kopfsteinpflaster, die Email-Schilder (Email, nicht E-Mail!) in Zierschrift, es würde trotzdem nur einen Hauch der Ahnung davon vermitteln, wie es wirklich war. Und für jeden war es anders und trotzdem dasselbe.
Ich habe aus all dem etwas ganz Wichtiges gelernt und auch wenn ich nun durch die Entlastung des rechten Knies eine angehende Entzündung der linken Achilles-Sehne verspüre, so wird das wohl m/ein neuer Leitspruch werden:
DON’T LOOK BACK IN ANGER!
Das Leben ist zu schön dafür und leider auch viel zu kurz.
-Die Danksagung
Vielen herzlichen Dank an Gerolf, David, Björn, Basti, Uwe, Hans, René, Maria, Kai, Robert, Campi-Bastian & Markus (meine zweite Mutter) und Dani Boschung, der wie ein grosser Bruder zu mir war. Merci vielmal auch an die Gruppe um den Eric mit dem Vogel, ihr habt mich wirklich ein grosses Stück weit mitgeschleppt. Und Chapeau an Cécile, die in meinen Augen die hervorragendste Leistung aller Teilnehmer erbracht hat (täglich zehn Stunden im Sattel an der eigenen Leistungsgrenze ist wohl viel härter als gut trainiert das Ding in ein paar Zerquetschten abzureissen) und ohne die – da bin ich mir ganz sicher – ich nicht angekommen wäre.
Grosses Kompliment auch an Benno, der kam, um zu siegen, und dies so wohl auch tat. Ein verrückter Hund bist du aber ich nehme dich immer wieder gerne mit. So haben wir das Feld von hinten und von vorne in die Zange genommen, ein ganz beachtlicher Erfolg, finde ich. Die Letzten werden die Ersten sein, also bis zum nächsten Mal, hiermit gelte ich als gemeldet. Und danke auch noch Morris für die Feuerkrem, Hans für die 3%-Milch, Kay fürs gute Wasser und Dani noch mal für alles Ausserordentliche.
Michalis
-Media
Eine kleine Auswahl an Bildern: Go East!
Hier das Lied dazu von Christopher Cross.
Und die Tracks von Steffen Galle auf GPSies.
-Terminologie
Critical Dirt 2011 – Etappenfahrt Göttingen-Quedlinburg-Dresden-Görlitz, SIS (Schlaflos im Sattel) – MTB-Nachrennen in der Pfalz, Arthroskopie – operativer Eingriff über kleine Löcher (Stichinzisionen), Crosser/Querrad – Fahhrad für Radquer bzw. Cyclocross, Headshok – Steuerrohr-Federungssystem von Cannondale, Lemond – Fahrradmarke von Greg LeMond, Cosmic-Räder – Hochprofil-Radsatz von Mavic, Bundesgericht – höchste Rechtsinstanz der Schweiz, Cyclera – Soziokulturelle Radveranstaltung in Leipzig, Bionade – halbfermentierte Limonade ohne Konservierungsstoffe, Critical Dirt 2010 – Etappenfahrt Dresden-Leipzig und Querrennen, Côte d’Azur – Französische Edelküste (2010 durch Hochwasser verwüstet), Collm bzw. Collmberg – höchster Hügel (313m) im Umland von Leipzig (Landkreis Stadt Oschatz zwischen Wermsdorfer Forst und Dahlener Heide), Apex – Komponentengruppe von SRAM, Pulvern – Kunstoff-Beschichtungsverfahren, Boxen – sportlicher Faustkampf, Hausberg (Üetliberg) – grösster Hügel bei Zürich (870m), Nachtzug – City Nightline, Albert Londres – Französischer Kriegsreporter (1924 Berichterstatter für die Tour de France), Kaufland – Einkaufszentrum, Navi – mobiles GPS-Navigationsgerät, Polar – Herzfrequenzmonitor, Kriterien – Fahrrad-Rundenrennen, Kassette (Sprockets) – Zahnkranzpaket, Warme Bode – Fluss im Hochharz, Pearl Izumi – Hersteller von Fahrradbekleidung, Rapha – Hersteller von Fahrradbekleidung und Sitzkrem, Brooks – Hersteller von Ledersätteln, -lenkerbändern und -taschen, Transsibirische Eisenbahn – längste durchgehende Eisenbahnverbindung der Welt, Patagonien – südlicher Teil Chiles, nördlich der Magellanstrasse, Canal du Midi – Binnenverbindung zwischen Toulouse und Sète, Pyrogames – Feuerwerksolympiade, Achilles-Sehne – gemeinsame Endsehne des dreiköpfigen Wadenmuskels an der Ferse, Daniel Boschung – Fotograf aus Zürich, Star – einer der häufigsten Vögel der Welt, Windkraftanlage – grosses Windrad zur Stromerzeugung, Galgenberg – Ausflugziel bei Elbingerode, Göttinger Friedpark – Waldbestattungen.
-Der Anlass
Critical Dirt 2011 war eine “Ausfahrt unter Freunden” im Oktober über 4 Tage und 500km durch den Nord-Osten von Deutschland, von Göttingen nach Görlitz, meistens abseits asphaltierter Strassen auf Feldwegen und Trampelpfaden über Schotter, Kies, Sand und sehr viel Kopfsteinpflaster. Die Strecke war als GPS-Datei vorgegeben, die Teilnehmer mussten sich mit Navigationsgeräten alleine oder in Gruppen durchschlagen. Für Kost und Logis – je nach Buchungsangebot – war gesorgt und selbst ein Besenwagen mit Arzt und technischem Support war vorhanden. Jeder Teilnehmer erlebte diesen Anlass etwas anders, trotzdem bleibt er für alle als solcher unvergesslich.
-Der Autor
Michalis Stathis, geboren 1974 in Zürich, arbeitet als freiberuflicher Texter und Tüftler. Er nahm aus persönlicher Nähe zu den Organisatoren und im Rahmen einer aktiven Reha nach einer Knieoperation an dieser Ausfahrt teil. Er beschreibt diese als Reise ins Ich, als Revision von Perspektiven und Grenzen. Die individuelle Erkenntnis gepaart mit den einmaligen Erfahrungen machen diesen Anlass zu etwas Unbeschreiblichem, das er nur annähernd, nie aber vollumfänglich erklären kann. Nicht mit Worten, nicht mit Bildern, nicht mit Händen und Füssen.




Grazie Michalis, der Montagmorgen gilt als gerettet.
Das heisst Efcharistò und nicht Grazie!
Aber ja, meine Synapsenströme zu diesem Thema teile ich gerne mit andern.
So kann ich es verarbeiten, begreifen, verinnerlichen, wiederbeleben und auferstehen lassen.
Das ist es Wert.
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